Depression/Angst: Feind oder Freund?
(Übertrag vom 09. September 2008)
Anfangs habe ich die Depressionen als FEIND gesehen: sie nehmen einem die Lust am Leben, ohne, dass es einem oft selbst auffällt ... denn Depressionen sind "gemein": selten kommen sie von heute auf morgen (es sei denn, man erlebt einen schweren Schicksalsschlag wie Tod des Partners und/oder anderer wichtiger Menschen oder ähnliches, was einen aus seinem gewohnten Leben reißt).
In meinem Fall war es so: ich hatte schon immer "Phasen", in denen ich depressiv war - hatte aber weder einen Namen für diesen Zustand, noch einen Anlass ... irren soll ja menschlich sein!!! Doch die Depries, die vor ca. 5 Jahren anfingen, waren ANDERS, heftiger ... gemerkt habe ich es nicht oder besser gesagt: ich habe es nicht mehr wahrgenommen. Depressionen sind "hinterhältig", da sie sich ins Leben schleichen und ich sie daher nicht bemerkt habe, auch nicht bemerken wollte: "MORGEN ist ALLES wieder gut ... habe nur eine schlechte Phase ... hat ja jeder mal." Zwei Jahre haben sie Besitz von mir genommen, Panik-Attacken beherrschten ebenfalls mein Leben - auf die Idee, dass ich einen Arzt bräuchte, bin ich gar nicht gekommen: mir tat ja nichts weh ... im Gegenteil: ich habe gar nichts mehr gespürt = ich war INNERLICH T O T !!! Ich spürte keine Freude mehr, keine Lust zu irgendwas, NICHTS hat mich mehr interessiert - selbst meine Katzen haben mich zeitweise "genervt" - wer mich kennt, hält dies alles eigentlich für undenkbar - wie oft habe ich gehört: " DU und Depressionen? Im Leben nicht ... ausgerechnet Du, die in nichts ein Problem sah, die immer alles mit Humor und mit links "aus der Welt schafft" ... andere Menschen stets aus einem Tief zieht ... "
Wie kann man jemandem erklären, dass man 2 Tage oder länger, braucht, um eine leere, schmutzige Kaffeetasse vom Wohnzimmer in die Küche zu bringen? Wie erklärt man einem Außenstehenden, dass alles um einen herum nicht wirklich DA ist? Ich war nicht mal mehr in der Lage, zum Arbeitsamt zu gehen, um mich dort zu melden ... Post, die an mich gerichtet ist, ist ja gar nicht für mich = nicht mal der Briefkasten mit meinem Namen drauf gehört zu mir ...
... eine logische Folge des Arbeitsamtes: SPERRE ... kein Geld, also kann ich auch keine Miete zahlen ... na und? Mir doch egal (oberflächlich ausgedrückt) - Angst, dass ich aus der Wohnung fliege, hatte ich natürlich, doch ich hing schon so tief in den Depries, dass die Angst davor, mich NICHT geweckt hat, wie viele denken könnten - im Gegenteil: diese Angst zog mich nur noch weiter runter, ebenfalls natürlich unbemerkt!!! Wenn meine Freundin Amanda mich nicht gepackt und zum Psychiater geschliffen hätte - wer weiß? Todessehnsüchte waren ja eh schon mein ständiger Begleiter: der Wunsch, sich schlafen zu legen und morgens einfach nicht mehr aufzuwachen wurde, fortwährend intensiver - bewusst wahrgenommen habe ich es schon lange nicht mehr. Ich denke, die Tatsache, dass ich schon immer ein enormes Verantwortungsbewusstsein Mitmenschen und Tieren gegenüber habe, hat mich vor tiefer gehenden Vorstellen wie "wie bringe ich mich um?" geschützt: was wird aus meinen Katzen (zu der Zeit hatte ich fünf), wenn ich nicht mehr da bin? Wer nimmt Tiere, die entweder alt, krank oder gestört sind, bei sich auf? Vor allem: WER nimmt ALLE fünf? Denn eine Trennung der 20-Pfoten-Armee käme für mich niemals in Frage = uns trennt nur der natürliche Tod oder der Tierarzt!
Selbst "gute" Ratschläge wie: gib ein paar Katzen ab, dann geht es Dir auch finanziell besser! Hallo? DAS wäre für mich NIE ein Grund, eines meiner Tiere wegzugeben ... bisher musste ich mich Gott sei Dank auch nur von einem Kater trennen: aber das aus dem Grund, weil er sich mit den anderen Katzen nicht verstanden hat (er hat ein super schönes und vor allem liebevolles Zuhause gefunden, wobei mir auch wichtig war, dass er nicht als Einzeltier aufwachsen muss!) ... aber abgeben, nur damit ich mir statt einer Scheibe Wurst, zwei Scheiben auf´s Brot legen kann? NEVER!!! Dies hätte ich niemals mit meinem Gewissen vereinbaren können ... vor allem: wo wäre da meine Dankbarkeit gewesen? Sie haben mir praktisch in der Zeit mein Leben gerettet - soll ich sie dafür bestrafen, indem ich sie abschiebe? Ich hatte schon immer einen ganz besonderen Bezug zu Tieren - heute weiß ich auch, warum: als Kind habe ich oft dem Hund meiner Großeltern meine Gedanken, Ängste usw. "erzählt", da ja niemand, außer mein Vater, der aber aus beruflichen Gründen selten in der Woche da war, auf meine Ängste, Gefühle und Gedanken eingegangen ist - im Gegenteil: es wurde nur noch "einer draufgesetzt", indem man mich wie eine Aussätzige behandelt hat! Ich war einfach nicht DA!
Tiere SPÜREN, ohne dass man ihnen etwas erklären muss - zumal, wenn man nichts erklären kann, da man es ja selber nicht versteht, wozu Erwachsene fähig sind, Kindern anzutun ... Tiere(ent-)täuschen einen nicht!!!
Heute, also NACH meinen Erinnerungen aus der Kindheit, kann ich voller Überzeugung sagen: Depressionen sind meine FREUNDE ... sie waren und sind die einzig wahre Chance, sich ein, vor allem EIGENES, neues Leben aufzubauen.
Okay, okay ... zugegeben: ich habe lange gebraucht, um mir dies einzugestehen, zumal ich ohne meine Erinnerungen bestimmt auch nicht dazu in der Lage wäre, dies so zu sehen!?
Ich denke, das für mich Schwierigste daran war, sie zu akzeptieren = wobei ich dazu sagen muss: dies bei Anderen zu akzeptieren, war nie mein Problem ... aber für mich selber - da sah es schon nicht mehr so einfach aus!
Oft wurde ich angeguckt, als hätte ich ein Kotelette auf dem Kopf, wenn es mir stets gelang, in den absolut verfahrendsten Situationen auch noch etwas Positives zu entdecken ... heute weiß ich, es ist eine HIMMLISCHE Gabe (vielleicht ist auch das der Grund, warum meine Freunde/Bekannte die Welt nicht mehr verstanden haben, als es mir so mies ging = sie haben das Positiv-Denken bei mir vermisst!)
Aber wie erklärt man einem Außenstehenden, wie sich Depressionen anfühlen ... wie empfindet man sie?
Ich würde meinen Kopf (bzw. meine Seele) heute mit einem Computer vergleichen: manchmal reicht ein Anwender-Fehler aus, um das System lahmzulegen - manchmal "streikt" ein PC, wenn zu viele kleinere Bedienungs-Fehler begangen wurden ... irgendwann heißt es: ERROR ... NIX geht mehr ... ein Virus könnte natürlich auch eine gravierende Ursache sein ...
... doch die Tatsache, dass die Festplatte "gelöscht" ist, gibt einem Möglichkeiten, diese neu zu füttern: mit richtigen Daten, Informationen ... vor allem aber: mit den EIGENEN - und nicht mehr mit denen, die einem im Laufe des Lebens falsch "eingegeben" wurden - denn nicht selten sind auch Programmierungs-Fehler die Ursache für einen "Kurzschluss"!!!
Hört sich leider einfacher an, als es in Wirklichkeit ist - um zu dieser Einsicht zu kommen, habe ich ewig und drei, besser vier, Tage gebraucht - meine Erinnerungen an meine Kindheit, die mir anfangs mächtig die Schuhe ausgezogen haben, haben ebenfalls ihr GUTES dazu beigetragen ... auch die dazugehörenden Ängste und das Gefühl, alles JETZT IN DIESEM MOMENT wieder zu erleben ...
... und ich könnte drauf schwören, dass hinter jeder Angst, ganz gleich welcher Art oder in welchen Situationen, eine Antwortet wartet ... habe ich eine Chance, mir diese Antwort zu holen, wenn ich vor der Angst weglaufe? Die Angst würde mich nicht nur ein Leben lang verfolgen - sie würde auch die (Auf-)Lösung nicht freigeben können ... ich sehe auch die Angst bildlich gesehen nicht mehr so oft als großes, dunkles Etwas ...
ich versuche, sie mir als Schlüssel vorzustellen
... denn bisher hat mir die Angst Türen zu Antworten geöffnet ... !
Für mich kann ich sagen: ich habe nur eine Chance, irgendwann auf die Beine zu kommen, weil ich akzeptieren kann, dass es so ist/war und vor allem: dass DIESE Erinnerungen, ganz gleich, was und wie viel an Grausamkeiten sie enthalten, mir zwar das momentane Leben schwermachen - aber aus DEM Grund sind sie nicht gekommen ... sie sind gekommen, weil sie mir HELFEN wollen ... denn wenn ich mich mit ihnen ANfreunde, sehe ich auch die Antworten, die sie mitbringen ... und auch die Angst vor der Angst selber ist mein Freund = sie hilft mir, VORSICHTIGER in die Vergangenheit zu gehen ...
... Angst vor der Angst habe ich nicht mehr = die Angst davor ist in Respekt umgeschlagen ... ein weiterer Schutz auf dem Weg in meine Kindheit ...
... wenn ich heute in eine depressive Phase falle, schaffe ich es irgendwann, mir zu sagen: hey, sei dankbar, dass sie da sind = sie zeigen dir, dass du vielleicht schon auf dem richtigeren Weg warst - aber es gibt noch einen anderen Weg, der richtiger ist ... du bist irrtümlicherweise auf den ein oder anderen Lichtstrahl zugegangen - aber das WAHRE Licht ist DAS noch nicht ...
... und Dank dieser Einstellung meinen Ängsten, Depressionen usw. gegenüber, wird es immer schneller hell um mich herum ... und irgendwann wird aus heute noch wochenlangen Depressionen, die vorher Monate, wenn nicht sogar Jahre andauerten, Depries, die sich dann schon nach Tagen erklären lassen ...
... und ich finde es gut, dass es SO lange dauert - damit ich NIEMALS den RESPEKT vor ihnen verliere, indem ich zu schnell "vergesse", wie schlimm dieser Zustand wirklich ist ... und selbst Leben zerstören kann, welches eigentlich NIE ein Leben war !!! Mir wäre es auch zu unrealistisch, wenn nach über 30 Jahren Dunkelheit plötzlich nur noch Sonne wäre ... DEM Braten würde ich genauso wenig trauen - außerdem:
zuviel Sonne ist ja auch nicht gesund!!!
NACHGETRAGENE Kommentare:
Hinterlassen von : carolinee am 9.09.2008 à 23h26
Bewundernswert wie du es umschreibst, ich stelle mir vor was du für ein liebenswerter, starker und mutiger Mensch bist. Depressionen die von innen kommen, können auch bedeuten man hat noch nicht zu seiner Mitte gefunden sein wahres Ich. es liegen Schatten darauf die einen drücken die einen am Leben hindern. Was kann oder könntest du tun. die Frage stelle ich mir, du schreibst so schön kannst dich so gut ausdrücken, ich hoffe es hilft dir. Was könntest du tun. dein wahres Ich im Herzen finden. es befreien von den Lasten der Vergangenheit, kannst du das schaffen? Mit akzeptiern und wie du es umschreibst vorsichtig den Schmerz zuzulassen und loszulassen. In deinem Geschriebenen spürt man deutlich in dir ist Liebe. lass sie siegen. lg carolinee
Hallo Carolinee,
ich freue mich über Deinen Besuch: auch über Deine Beiträge, die mir ordentlich unter die Haut gingen ... irgendWO findet man SICH immer wieder!
Meine Innere Mitte habe ich noch lange nicht erreicht - aber ich habe sie schon VORgefühlt! Hört sich komisch an, oder? Ich denke, das wirklich wahre und wirksame, was mir weiter helfen wird, sind Geduld und noch mehrere Gänge in meine Vergangenheit ... aber dies alles schön langsam!!! Vor allem mache ich diese "Reisen" nur, wenn es mir längere Zeit einigermaßen gut geht - alles andere erscheint mir zu gefährlich! Abgesehen von den "Last-Minute-Tripps", wenn mich irgend etwas oder irgend wer triggert - die "Tour" geht zu schnell los, so dass ich keine Zeit habe, meine Reisetasche mit Respekt, Dankbarkeit und viel Verzeihen zu packen.
Ich kann nur abwarten, dass mir meine Seele erneute "Zeichen" gibt, so dass ich mich wieder auf den Weg machen kann ... wie war das noch gleich mit "Rom" (schmunzel)?
Ich denke, wichtig ist auch, dass ich den Weg gehe, den ich FÜHLE ... denn nur auf dieser Strecke befindet sich (mein) Selbstvertrauen ... und jedes Mal pflücke ich mir ein wenig davon ab - gehe wieder nach Hause, stell es ins Wasser und warte, dass Wurzeln kommen ...
... und ich kann Dir versprechen: die Liebe wird siegen ... das Kind, das ich war, kann ich mittlerweile lieben - jetzt BRAUCHT dieses Kind noch Zeit, dieser Liebe auch zu (ver-)trauen ... ES muss MIR die Hand reichen ... meine würde ES nur verschrecken - doch Angst vor UNSERER Nähe haben wir dennoch. Aber: DAS kriegen WIR auch noch hin!!!
Den Kampfgeist habe ich meinem Papa zu verdanken - er hat gesagt: "DU kannst ALLES schaffen, wenn Du nur willst!" ... leider hat er nur vergessen, mir zu sagen, wie "WOLLEN" geht (grins).
Ich denke, Du wirst dies hier vor heute Abend (wir haben jetzt 00:53 Uhr) nicht mehr lesen, daher wünsche ich Dir für die folgende Nacht einen erholsamen Schlaf.
LG
Claudia
Hinterlassen von : carolinee am 11.09.2008 à 02h05
Liebe Claudia. was für Zufälle ich habe es gerade gelesen, und möchte dir gern antworten. Ich gebe es zu das es mir schwer fällt die richtigen Worte zu finden. Doch ich finde es wirklich so wunderbar wie du schreibst. ich bin jeden Tag auf deinen Blog und schaue was dich treibt. Ich weiß irgendwo auch aus meinem Innern das bei dir die Liebe jetzt schon siegt, das sie dich leitet in eine Zukunft wo du wieder freier sein kannst. Freier sein was könnte es heißen, wie du es selbst umschreibst etwas der Weg dorthin vorsichtig auch auf deine Seele hören, wieviel Schmerz kann sie ertragen und verarbeiten. Ich spüre irgendwo auch das du sehr viel zu geben hast, ich wünsche mir für dich, das du einmal, das was du gibst, wieder annehmen kannst, von Menschen die aufrichtig, ehrlich und liebevoll dir begegnen. Ich wünsche es sehr . für Dich lg carolinee
Hallo Carolinee, ich bin ganz beschämt (passiert mich schon mal öfter ... grins), wie nett und mitfühlend Du mir immer schreibst!!! Und ich freue mich sehr, dass Dir meine Art, wie ich schreibe, gefällt!!!
Ich kann Dich allerdings beruhigen: mir fehlen auch oft die richtigen Worte, etwas auszudrücken - ich habe für mich rausgefunden, dass ich entweder mit dem Gefühlten dabei überfordert bin, oder "zu viele Fässer meiner Seele" geöffnet sind - außerdem habe ich immer Sorge, ob ich das, WAS oder WIE ich es geschrieben habe, jemandem schaden könnte (z.B. ebenfalls eine Betroffene/r) - ich komme an meine Gefühle nicht richtig dran, wenn ich mich unter Druck setze oder gesetzt fühle = absolute Blockade.
Ich danke Dir sehr für Deine guten Wünsche - ich möchte Dir auch gerne etwas wünschen: ich wünsche Dir von ganzem Herzen all das, was Du Dir selber wünschst!!!
Lieben Gruß
Claudia