"Von der Freundlichkeit der Menschen"

Veröffentlicht auf von Gefangener-Engel

(Joe Lederer)

Von der Freundlichkeit der Menschen

In London

Das war in London. Obgleich ich von der Freundlichkeit der Menschen erzählen will, fängt meine Geschichte mit einer ziemlich unfreundlichen Tatsache an: nämlich, dass mir dort in einem großen Warenhaus meine Handtasche gestohlen wurde.

 

Es war Ausverkauf, und ich stand vor einem Ladentisch, eingekeilt in die Menschenmenge. Die Handtasche trug ich an einer breiten Lederschlaufe über den Arm gehängt. Es war zwei Jahre nach Kriegsende, und ich hatte nicht nur Geld in der Handtasche, sondern auch die Lebensmittelkarte, die man damals dort noch brauchte, meinen Journalistenausweis und den ganzen Krimskrams, den eine Frau mit sich herumschleppt: einen prachtvollen Lippenstift, den ich aus Amerika bekommen hatte, und ein Paar hauch-dünne Nylons, die ich zum Reparieren bringen wollte; das waren zu jener Zeit große Schätze.

Und dann hatte ich noch eine Fotografie in der Handtasche, ausgeblasst und schon etwas  abgeschabt, die Fotografie eines Fliegers. Sie war in einem Kuvert, gemeinsam mit dem Brief vom Kommandanten der Flugstaffel, in dem er mir mitteilte, dass der Pilot Bernt Barge abgeschossen worden war, und dass ihm seine Kameraden ein ehrendes Andenken bewahren würden.

Nun, auch der Brief war schon etwas brüchig, denn ich trug ihn immer mit mir herum.

Die Handtasche wurde mir also gestohlen.
Wahrscheinlich hatte der Dieb im Gedränge die Lederschlaufe abgeschnitten, anders war es gar nicht möglich.

Der Geldverlust war zwar für mich erheblich,
aber darauf kam es mir gar nicht mehr so sehr an - unersätzlich war das Foto.

Wie gesagt:
in der Handtasche war auch mein Journalistenausweis mit Namen und Adresse. Und zwei Tage später bekam ich einen Brief. Darin war die Fotografie von Bernt, der Brief seines Kommandanten. Und ein Zettel, auf dem mit Blockbuchstaben geschrieben stand:
" I am sorry, es tut mir leid,
mein Bruder war auch ein Flieger ..."

 

Ob mir ein Mann oder eine Frau die Handtasche gestohlen hat, habe ich nie erfahren. Ich weiss nicht, ob es ein Gewohnheitsdieb gewesen ist oder ein armer Teufel, der verzweifelt Geld brauchte. Jedenfalls war es jemand, der um das Schicksal des Bruders einmal genauso gezittert hatte, wie ich um Bernt.

Die Tatsache, dass der Unbekannte die Tasche mit Geld und Wertgegenständen behalten hat, lässt sich nicht ableugnen. Nun, es war ein Dieb. Aber es war auch ein Mensch voller Einsicht und Freundlichkeit, der mir freiwillig zurückgab, woran mein Herz hing:

... die vergilbte Fotografie ...


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Veröffentlicht in ! Nachdenken

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R
...traurig und schön zugleich....Liebe Grüße Regina
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G
<br /> Mich berührt diese Geschichte auch ... ich finde, da kann man mal SEHEN, WAS WIRKLICH WICHTIG im Leben ist ...<br /> <br /> <br />